Erni Mangold, 13. März 2017

Mir ist normalerweise egal, wie prominent meine Gesprächspartnerin ist. Aber die Frau Professor Mangold, x-fach ausgezeichnete Schauspieldoyenne, vor knapp zwei Monaten 90 geworden, ist legendär für ihre Unverblümtheit, und ich war richtig aufgeregt. Dabei mag ich unverblümte alte Damen, und erst recht fluchende Frauen. Frau Mangold ist auch heute etwas grantig, weil der Kollege vor mir sich verspätet hat, weil es im Lokal nicht gut riecht, weil das Licht so blendet. Puh. Ich gesteh ihr, dass ich eh schon nervös bin, und sie sagt, „Dafür gibt’s überhaupt keinen Grund“ und schaut säuerlich. Ich biete ihr an, unser Gespräch an der Bar zu führen, wir bestellen beide Rotwein. Das hilft.

Das hier ist das nur sanft gekürzte Gespräch. So richtig lang. You asked for it.

Verflucht, Erni!

DER HUNDERTJÄHRIGE, DER AUS DEM FENSTER STIEG UND VERSCHWAND war eine rasend erfolgreiche schwedische Komödie, nach einem rasend erfolgreichen schwedischen Roman. Ein paar Jahre später kommt nun DER HUNDERTEINJÄHRIGE, DER SEINE RECHNUNG NICHT BEZAHLTE UND VERSCHWAND ins Kino, die unvermeidliche Fortsetzung, eher nicht so rasend originell, aber mit einem Bonus-Feature: Erni Mangold spielt die kleine Rolle einer alten Bekannten des Titelhelden, die seit ungefähr 70 Jahren in Berlin ein Bohème-Dasein lebt und den alten Herrn kurzerhand verführt, als der vor der Tür steht. Das ist immerhin Anlass genug, Frau Mangold zu einem Interview zu bitten.

Sie spielen in DER HUNDEREINJÄHRIGE eine nur kleine, aber markante Rolle. Was hat Sie gereizt, die anzunehmen?

Garnix, ich hab ja nicht gewusst was auf mich zukommt, und infolge dessen hab ich einfach zugesagt weil ich das Buch kenne, nach dem der erste Film gedreht worden ist, und auch den Film, und weil ich das sehr lustig fand. Und als ich dann erfahren hab, dass es das ist, hat mich das auch überhaupt nicht g’stört. Das ist eine sehr lustige Figur, eine, die im Grund genommen damals ein Hippie war, geraucht hat, und getrunken hat, Männer gehabt hat, die freie Liebe, die man halt damals unter den Hippies gehabt hat, auch das freie Leben. Auch mit den Kindern ist man ja damals anders umgegangen, die haben manchmal, glaub ich, gelitten. Aber wie auch immer.

War es nicht sehr seltsam, da mit jemandem zu spielen, der das Alter, das Sie bald haben werden, erst aufgeschminkt bekommt? Ihr Filmpartner Robert Gustafsson ist ja ein Junghupfer im Vergleich.

Naja, das hab ich ja erst dort erfahren, das wusste ich nicht. Ich hab immer gedacht, der wird so wenigstens 65 sein, aber der ist ja erst 57, das fand ich sehr witzig. Ja, er war sehr angenehm, auch sehr nett zu mir, aber er hat sich ein bisserl als Star benommen. Aber das kann ich verstehen, der erste Film hat ja einen Batzen Erfolg gehabt.

Es ist kurios, dass Sie jetzt in zwei Kinofilmen hintereinander Sexszenen spielen (der andere ist DER LETZTE TANZ, 2014), voriges Jahr sind Sie in einer Theaterinszenierung von KALENDER GIRL praktisch nackt auf der Bühne gestanden, und jetzt spielen in der Josefstadt in HARLD UND MAUDE eine Liebesgeschichte mit einem fast 70 Jahre jüngeren Mann …

Ja, das ist halt so. Anscheinend hat sich das bei mir im Alter eingeschlichen und nicht in meiner Jugend. Na gut, da kann man nix machen, die einen fangen mit Porno und mit Sexszenen an, wenn sie jung sind, und ich fang halt erst damit an, wenn ich schon alt bin. Find ich sehr gspaßig. Aber dazu kann ich garnix sonst sagen, ich finds natürlich sehr lustig.

Rund um Ihren 90. Geburtstag im Jänner ist Ihnen in vielen Porträts ewige Jugendlichkeit attestiert worden, Mädchenhaftigkeit, Widerspenstigkeit. Das sind ja meistens männliche Regisseure, die Sie so inszenieren. Reizen Sie deren Fantasie womöglich immer noch, dass Sie jemand sein können, die…?

Das heißt nicht „sein können,“ sondern „bin“ – ich löse die Fantasien ja aus. Ich bin halt noch in meinen Bewegungen und in meiner Art verhältnismäßig jugendlich, und bin biologisch, behaupten alle, irgendwo stehengeblieben, keine Ahnung. Der Witz ist der, dass ich so immer war. Ich lebe ja nicht nach hinten, ich lebe nach vorne. Und ich bin ein sehr aufmerksamer Mensch und ein sehr neugieriger Mensch, immer noch, vielleicht hängt’s damit zusammen. Aber es hängt wohl auch damit zusammen, dass ich vielleicht in meinem Herzen und in meinem Körper nicht stehengeblieben bin, und mich einfach … vielleicht ist es ein Blödsinn, was ich jetzt sage, aber es ist so, dass diese Wirkung, die ich jetzt habe, eine Wirkung ist, die ich mit ganz jungen Jahren ganz furchtbar hatte. Das hat mich auch sehr damals unglücklich gemacht, weil ich wahnsinnig verfolgt war von den Männern, und viele unangenehme Dinge erlebt habe. Aber im Alter, dass das geblieben ist, dass ich immer noch eine sinnliche Ausstrahlung habe – mein Gott, keine Ahnung.

Sie haben in den letzten Interviews immer wieder unangenehme Erfahrungen mit Männern angedeutet …

Da lesen Sie mein Buch (LASSEN SIE MICH IN RUHE, Anm.), dann wissen Sie es. Das interessiert junge Leute sehr, weil es im Grund genommen Zeitgeschichte ist, und weil ich auch über die Fifties und Sixties rede, die manche so toll fanden. Das war alles für mich eine grauenhafte Geschichte damals, ch fand auch diese Zeit damals ganz schlimm. Aber gut, das ist eine Sache, die ich durchgestanden hab mit Ach und Weh, und die nicht angenehm war. Aber es ist lustig, dass davon immer noch was übergeblieben ist, und dass ich immer noch eine gewisse sexy Ausstrahlung habe.

Wenn Sie sagen, Sie haben diese Zeit furchtbar gefunden, meinen Sie wie mit Ihnen umgegangen worden ist, oder meinen Sie gesellschaftlich und politisch?

Das _war_ furchtbar, das hab nicht nur ich furchtbar gefunden! Die Fünfziger und Sechziger waren an und für sich schrecklich, zugeknöpft und moralisch völlig verkorkst, engstirnig, und hinter verschlossenen Türen ist alles mögliche grauenhafte gemacht worden, und auch der ganze finanzielle Aufstieg, und warum sind dann so viele Scheidungen passiert … soll ich die ganze G’schicht erzählen von den Fifties? Na wirklich ned. Das war nicht gut, das war schrecklich!

Wann ist es besser geworden?

In den Siebziger, in den Achtziger Jahren, natürlich ist es da besser geworden, da hat sich vieles geändert, auch die politischen Dinge. Dass man endlich die Schuld in der Judengeschichte anerkannt hat, dass man endlich zugegeben hat was man alles gemacht hat, dass man kein Opfer des Nationalsozialismus war. Das war ja alles politisch hochinteressant, wenn man vorher glaubt, man ist ein Opfer, und dann war man gar keines, das ist ja auch alles sehr g’spaßig. Aber das ist ja nicht der alleinige Grund, weshalb die Fifties so schrecklich waren. Komischerweise, ’45, ’46, ’47, ’48, ’49 waren nicht sehr lustig, weil es da auch Auf und Abs gab, aber da haben sich die Leute noch um sich selber kümmern müssen, und haben geschaut, dass sie zu irgendwas kommen. Aber ich will jetzt nicht die ganze Geschichte erzählen, das ist ja lächerlich, da sitzen wir ja noch morgen da.

Ich hör Ihnen aber gern zu.

Naja, aber das kann man ja nicht in einem Satz beantworten. Da sind Sie schuld, wenn Sie mich sowas fragen.

Ich bin halt neugierig.

Ja, neugierig können Sie schon sein, aber das ist ja ein Interview über einen kurzen kleinen Film, und aus, basta. Nicht über meine ganze Geschichte. Kaufen Sie sich das Buch und lesen Sie’s, da werden Sie’s erfahren.

Gut, dann sprechen wir nur über die Gegenwart. Sie haben im Jänner mit HAROLD UND MAUDE noch einmal eine ganz große Rolle am Theater in der Josefstadt angenommen.

Ich spiel das bis 12.12., 75 Aufführungen. Zuerst waren es 60, dann hab ich noch zu fünfzehn mehr ja gesagt, und am 12.12. ist es dann aus, da mach ich dann kein Theater mehr.

Aber haben Sie nicht vor kurzem gesagt, das Theater langweilt Sie inzwischen, Sie finden es nicht mehr reizvoll?

Also bitte, „reizvoll“, das ist ein merkwürdiges Wort. Ich hab die Nase voll, es ist vorbei, es interessiert mich nicht mehr.

Aber warum dann noch einmal so eine große Verpflichtung?

Das ist halt der Profi, liebe Frau, das scheinen Sie nicht zu wissen. Man funktioniert. Und ich funktioniere, und ich bin sehr gut bei meinem Funktionieren. Und jetzt funktionier ich noch bis 12.12., und dann hör ich auf, weil ich nicht mehr mag. Das muss man immer trennen. Wenn man ein Superprofi ist, nach siebzig Jahren, dann ist man ein anderes Kaliber. Da sagen, „ich hab ka Lust mehr, I kann ned, da spiel ich keine Vorstellung mehr“, das ist nicht meins.

Na gut, nur sind Sie halt schon …

Nein, nicht „na gut“, liebe Frau! Profi heißt, man macht die Sache, oder man lässt sie. Und wenn man sie lässt, macht man die Tür zu, zu einem bestimmten Moment, wenn der Vertrag zuende gegangen ist, wenn die 75 Vorstellungen zuende sind.

Für Fernsehen und für Kino ist die Tür aber noch nicht zu?

Naja, das kann ich noch machen, das sind ja vielleicht fünf oder zehn Tage im Jahr, oder drei, da hab ich keine Schwierigkeit. Ich mag die Kamera sehr gerne.

In einigen der Porträts, die über Sie verfasst worden sind, werden Sie als „widerborstig“ beschrieben, als „aufsässig“, Vokabular, das normalerweise eher auf Kinder angewandt wird. Stört Sie das?

Na, wenn denen keine andere Worte einfallen, kann ich auch nix machen. Ich bin weder widerborstig nach aufsässig, wissen Sie, was ich bin? Das müssen Sie ja schon gemerkt haben, ich bin direkt, das ist alles. Ich bin direkt und lüge nicht. Das ist alles. Wenn den Leuten nix anderes einfällt, sollen sie so einen Schas schreiben, mir ist das so egal. Aber wenn mich jemand fragt, dann fahr ich ihm scho über den Mund und sag, „was reden Sie für einen Blödsinn!“

Ich frag Sie jetzt, also fahren Sie mir über den Mund, nur zu.

Hab ich Ihnen ja gerade gesagt. (kramt in den Salznüsschen herum) Gibts da noch mehr von diesen großen Nüssen?

Hier herüben gibt’s noch Cashews.

Ja, die mag ich, die da. Soll ich zwar nicht essen, wegen der Divertikel. Wissen Sie, was das ist?

Nein.

Naja, muss ich Ihnen aufklären. Medizinisch haben Sie auch keine Ahnung!

Heut lern ich viel.

Also, das sind so weiche Gebilde, die den Darm in gewisser Weise zumachen, nicht ganz, weil sonst könnt man ja nicht aufs Klo gehen, aber das sind so kleine Gebilde, die sind aber nicht bösartig, das wird nie Krebs, keine Gefahr, man soll nur keine Nüsse essen, weil die verstecken sich in den Divertikeln und gehen nicht mehr raus, und das ist blöd.

Und ich hab geglaubt, Nüsse sind so gesund.

Die sind ja gesund, aber wenn Sie Divertikeln haben, sinds Scheiße, mein Gott! Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe! Macht ja nix, isst man halt keine Nüsse. Man sagt, das ist eine gute Nahrung für das Hirn, aber da gibts ja auch andere Sachen.

Es wirkt eh nicht so, als würden Sie das brauchen.

Naja.

Sie haben in einem Interview vor kurzem gesagt, es wird alles immer besser. Woran liegt das, an Ihrer unerschöpflichen Neugierde?

Na, weil ich sehr offen bin, weil ich mich um nix mehr… also, ich bin schon eine Frau, die noch gekränkt werden kann, und die noch leiden kann, wobei, mit dem Leiden wird es schon schwieriger… aber Kränkungen können schon noch passieren. Aber die sind nicht mehr so stark, weil ich erstens mit keinem Mann mehr liiert bin, und keine Schwierigkeiten mehr hab, ein Single zu sein, und daher ist das auch angenehm. Ich fühl mich jetzt, wo ich allein bin und so frei bin, eigentlich sehr wohl. Wenn du mit einem Mann liiert bist, können immer wieder Kränkungen passieren, und sind auch immer wieder passiert. Ob du neunzehn bist oder hundertzehn, das ist da total wurscht. Leider.

Ich bin ja erst 35 und komm mir jetzt albern vor, das zu sagen. Aber das Gute am lang leben ist, dass man sich selbst immer besser kennenlernt, oder?

Naja, das ist eine andere Geschichte. Man hat heute, wenn man nicht allzu blöd ist, eine andere Qualität von Beziehung gefunden. Es ist natürlich so, dass die Männer ihre Schwierigkeiten haben, das wissen wir. Aber auf der anderen Seite, wenn Sie eine gewisse Intelligenz haben, was die Beziehung betrifft – die Intelligenz muss sonst nicht was weiß ich wie hoch sein – wenn man weiß, was Qualität sein kann beim Zusammenleben, ist das ganz gut. Zu meiner Zeit, war das nicht der Fall, da hat man eher so eine Klammergeschichte gemacht, oder manchmal eine Art Verliebtheit, die sich unter Umständen immer wieder wiederholt hat, und man ist nicht draufgekommen, dass das gar nicht so gut ist, was man da macht, und dass es vielleicht doch besser ist, wenn man sich in einer gewissen Weise anders damit auseinandersetzen würde. Ich hab das auch nicht gemacht. Wenn du älter und älter wirst und immer noch Beziehungen hast, lernst du halt schon dazu, gottseidank, aber trotzdem gibts immer noch Belastungen und immer noch irgendwelche kleinen Auseinandersetzungen. Und wenn du älter wirst, wird das ein bisserl beschwerlich. Es kann dir der Sex ganz lustig sein, aber ich war im Grunde froh, wie es dann vorbei war. Ich hab ja schon mit sechzig allein gelebt, ich hab natürlich noch eine Beziehung gehabt, aber nicht mehr so eng, und so anstrengend. Getrennte Wohnung, also eigentlich sehr angenehm …

Sie haben vorhin vom Alleinsein und vom Freisein gesprochen. Empfinden Sie das immer schon so?

Ich finde es einmalig!

Sie sind schon seit vielen Jahren im Waldviertel daheim und gern mit dem Auto unterwegs, richtig?

Ja, ich fahr sehr gern Auto, und ich fahr gut Auto, und noch immer leidenschaftlich gern. Bin neugierig, wie lang.

Das bedeutet eine große Autonomie, oder?

Ja, und es ist eine Leidenschaft, die ich immer noch hab. Das Theaterspielen ist keine Leidenschaft mehr, aber das ist immer noch meine Leidenschaft, ich sitz gern im Kübel, ich fahr gern nach der Vorstellung nach Hause. „Du fahrst nach Hause! Wie kannst du nur“, hör ich jedes Mal.

Wie lang sind Sie da unterwegs?

Eine Stunde. Aber ich fahr das jetzt schon seit 40 Jahren. Und wenn ich das in Wien fahre – von hier in meine kleine Wohnung in Wien, da fahr ich eine halbe Stunde, und muss an jeder Ampel stehen, mit Nerv, ist schon wieder rot, ist schon wieder rot – das macht mich so nervös! Ich hab das alles nicht, ich fahr hinaus, und bin draußen und auf Wiedersehn. Ich fahr in der Nacht und kein Mensch ist vor mir.

Hören Sie dabei Radio?

Ja, immer Ö1. Das ist auch sehr wichtig, weil, vielleicht wissen Sie das, ich wusste es auch nicht, das fördert die Konzentration. Aber die hab ich sowieso. Und wenn ich sie nicht hab, wenn ich merk, ich fahr schlampert, dann beschimpf ich mich sofort, „Na komm, jezt reiß dich zusammen!“ Aber müde bin ich nie beim Autofahren, das kenn ich garnicht.

Schauen Sie sich eigentlich manchmal Filme an, in denen Sie selbst mitgespielt haben?

Nein, hab ich mir noch nie angeschaut, das interessiert mich überhaupt nicht. Die schicken mir immer DVDs, aber ich würd mir das nie anschauen, das interessiert mich nicht. Das hat mich das letzte Mal glaub ich mit 25 interessiert.

Ist das, weil Sie in Ihrem Beruf ohnehin genau wissen müssen, wie Sie wirken?

Nein, da sind Sie ein bisserl am Holzweg. Man kann ur-ur-uralt werden, und man weiß um seine Wirkung nur teilweise Bescheid. Man weiß schon mehr als wenn man noch jung war, aber nur teilweise. Man fühlt es ein bisschen. Wenn ich jetzt zum Beispiel „Harold und Maude“ spiele, merke ich, weil ich einen sehr guten Partner habe, dass meine Art auf ihn übergeht, und er auf mich reagiert. Das ist mehr eine schauspielerische Sache, aber auf der anderen Seite merke ich, dass die Leute halt auch gleichzeitig meine, unter Anführungszeichen, Jugendlichkeit schätzen. Obwohl ich überhaupt nicht jugendlich tu, das ist lustig. Das interessiert mich auch überhaupt nicht, jugendlich zu tun.

Vielleicht ist es gar nicht das Jugendliche, das den Leuten gefällt, sondern das spezielle Erni-Mangold-hafte?

Geh, ich bin schon seit dreißig Jahren gleich, ich schmink mich nicht einmal mehr, das interessiert mich überhaupt nicht.

Ich kann Ihnen jedenfalls aufrichtig versichern: Wenn ich groß bin, möcht ich gern ein bisserl wie Sie sein.

Da müssen Sie gar nicht so viel dran arbeiten. Da müssen Sie nur einen gewissen Charakter haben, und auch politisch eine klare Stellung beziehen, bei all der Scheiße, die Sie umgibt. Das ist gar nicht leicht, weil es umgibt uns sehr viel Scheiße, inzwischen. Leider. Das hätt ich auch nie gedacht, dass ich das noch einmal erleben muss. Aber der Witz ist der, man muss nur hellwach sein und ein bisschen klar schauen. Wie ich ganz jung war, war ich nicht so hellwach. 1945, als der Krieg aus war, hab ich schon ein paar Jahre gebraucht, bis ich gemerkt hab .. eigentlich hab ich mir gedacht, „Jetzt kommen wir! Haha, die Jugend, jetzt sind wir dran!“ Und dann hab ich gemerkt, die ganzen Nazis sind schon wieder da, aber das hab ich erst nach zwei oder drei Jahren gemerkt. Da war ich 22, und dann hab ich mir damals gedacht, na, da kann man auch nix machen, jetzt muss ich halt einmal an mich denken. Ich hab ja schauen müssen wo ich steh und wie ich weiterkomm, und hab mir gedacht, da muss ich die Politik halt einmal lassen.

Und wie ist das jetzt mit der Politik?

Na jetzt ist es.. ich hab eine kleine Geschichte gehabt mit dem Franz Schuh, den ich sehr verehre. Der hat diese Literatursendung auf ORFIII, und dem hab ich auch gesagt, „Ich hab nie gedacht, dass ich das noch einmal erleb.“ Und er hat gemeint, in einer gewissen Weise hab ich schon recht, weil dass es jetzt überall so extreme Gruppierungen gibt, das sind die selben Vorzeichen wie damals beim Hitler, als diese Nazischeiße daherkam. Die Vorzeichen stimmen, aber er glaubt, dass es nicht so weit kommt. Aber ich bin mir nicht so sicher. Man zittert jetzt schon, dass die LePen gewählt wird. Dann kannst du schon dein Flugzeug nehmen, und wohin willst du dann fliegen? Nach Kuba!

Oder ins Waldviertel.

Eh. Aber Verstecken ist auch nicht das wahre. Irgendwo muss man ran an den Fisch.

Dieses Interview ist in gekürzter und editierter Version am 16.3. in den Salzburger Nachrichten erschienen.

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